Wie falsche Prioritäten Klimaschutz und regionale Projekte ausbremsen.
Die Energiewende steht an einem Scheideweg
Die Energiewende ist ein zentrales Projekt für Klimaschutz, Versorgungssicherheit und regionale Wertschöpfung. Doch aktuelle politische Überlegungen, wie sie dem geleakten Entwurf des ‚Netzpakets‘ zu entnehmen sind, gefährden diese Ziele, wenn sie realisiert werden. Statt den Ausbau Erneuerbarer-Energie-Anlagen (EE-Anlagen) zu beschleunigen, werden bürokratische Hürden aufgebaut und fossile Energieträger weiter gestärkt. Das hat gravierende Folgen für das Klima, für die Versorgungssicherheit und für die vielen Menschen, die sich lokal für eine saubere Energiezukunft engagieren.
Die BürgerEnergie Harz eG setzt sich seit Jahren für eine dezentrale, demokratische und regionale Energiewende ein. Wir fordern: Die Energiewende muss resilient, klimagerecht und bürgernah gestaltet werden.
Vor dem nachfolgenden längeren Text könnt ihr hier euren Missmut der Politik mitteilen:
1.) Appell an die Ministerin Reiche: campact.de
2.) Individuellen Brief an Partei oder Abgeordnete: Aktionsolarstrom.de
3.) Aufruf von von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN : dabeisein.gruene.de
4.) Offener Brief der Deutschen Umwelthilfe : mitmachen.duh.de
Netzengpässe: Ein Infrastrukturproblem wird falsch gelöst
Netzengpässe sind ein bekanntes Problem. Doch statt den Netzausbau zu beschleunigen, setzt die Politik auf eine gefährliche Strategie: Erneuerbare Energien werden künstlich ausgebremst, während fossile Kraftwerke weiter subventioniert werden.
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Ausbau des Stromnetzes hinkt hinterher: Nur 22 % (3.700 km) der geplanten Hochspannungsnetze (16.800 km) wurden bis Ende 2025 realisiert [netzausbau.de].
Auch die Digitalisierung und Automatisierung der Verteilnetze kommt kaum voran. Offensichtlich ist z.B. das unkontrolliert verzögerte Rollout der Smartmeter. -
Willkürliche Abregelungsregeln: Netzbetreiber können Gebiete als „kapazitätslimitiert“ einstufen, wenn die Abregelung von erneuerbaren Energien über 3 % liegt. In diesen Regionen entfallen dann für bis zu 10 Jahre Entschädigungen (Redispatch-Vorbehalt) für Neuanlagen. Doch 3 % Abregelung sind in vielen Regionen bereits heute Realität und werden somit zum Normalfall erklärt. Etwa 45 % aller Abregelungen von erneuerbaren Energien in Deutschland entfallen allein auf Niedersachsen. [Bundesnetzagentur-Smard.de]
Fossile Kraftwerke sollen weiterhin Entschädigungen bei Abregelungen beanspruchen können. -
Fossile Kraftwerke werden bevorzugt: Statt den Ausbau erneuerbarer Energien zu fördern, plant die Bundesregierung Gaskraftwerke mit bis zu 41 GW Leistung obwohl Studien zeigen, dass nur 12 GW nötig wären. Das verlängert die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und treibt die Kosten in die Höhe.[Spiegel.de 2026-01-09, Becker&Schultz] , [taz.de 2026-02-04, Hannes Koch]
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Redispatch: Da die Stromtrassen nicht beliebig viel Energie transportieren können, wird zeitweise erneuerbare Energie im Norden abgeregelt und gleichzeitig fossile Kraftwerke im Süden hochgefahren. Die Kosten beliefen sich 2025 für die Stromkunden 2,7 Mrd. Euro. [Bundesnetzagentur-Smard.de]
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Baukostenzuschuss: Netzbetreiber sollen von neuen EE-Anlagen einen Baukostenzuschuss verlangen dürfen.
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Anschlussvorrang: Seit 25 Jahren müssen EE-Anlagen vorrangig ans Netz angeschlossen werden. Jetzt soll der lokale Verteilnetzbetreiber – ca. 850 in Deutschland – ab 135 kW Anlagen individuell entscheiden können. [finanznachrichten.de]
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Resilienz: Ein dezentrales Energiesystem ist widerstandsfähig gegenüber geopolitischen Krisen und Infrastrukurstörungen. Erneuerbare Energie verringert die Importabhängigkeit und glättet Preisschwankungen. Doch das Netzpaket gefährdet diese Struktur. Der Netzausbau ist daher sicherheitspolitisch geboten und muss regionale Akteure stärken, nicht schwächen.
Klimaschutz bleibt auf der Strecke
Deutschland hat sich verbindlich zur Treibhausgasneutralität verpflichtet. Doch das aktuelle „Netzpaket“ untergräbt dieses Ziel:
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Verzögerte CO₂-Reduktion: Durch faktische Ausbaustopps in strukturschwachen Regionen wird der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst.
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Längere Nutzung fossiler Kraftwerke: Statt den Ausbau von EE-Anlagen zu beschleunigen, werden Gaskraftwerke weiter gefördert. Das verlängert die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und treibt die Kosten für Redispatch-Maßnahmen weiter in die Höhe.
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Steigender Energietransport: Regionale Erzeugungskapazitäten werden nicht ausgeschöpft, stattdessen wird Energie über weite Strecken mit zusätzlichen Verlusten und Kosten transportiert.
Das Paradoxe: Die Redispatch-Kosten entstehen vor allem durch die Abregelung erneuerbarer Energien, nicht durch deren Ausbau. Doch statt die Netze zu modernisieren, werden Entschädigungen gestrichen und die Kosten auf EE-Anlagen abgewälzt.
Regionale Projekte und Bürgerbeteiligung in Gefahr
Die Energiewende lebt von regionalen Initiativen. Doch die aktuellen Pläne gefährden genau diese Projekte:
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Faktischer Ausbaustopp in ländlichen Regionen: Viele Bürgerenergieprojekte entstehen in strukturschwachen Gebieten, also genau dort, wo nun Neuanlagen keine Entschädigungen mehr erhalten sollen.
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Planungsunsicherheit und Finanzierungsprobleme: Banken und Genossenschaftsmitglieder tragen nach diesen Plänen höhere Risiken, da die Wirtschaftlichkeit von Projekten nicht mehr kalkulierbar ist.
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Ungleichbehandlung: Während neue erneuerbare Energien ohne Ausgleichszahlungen abgeregelt werden, sollen Kohle- und Gaskraftwerke weiterhin Subventionen erhalten.
Was jetzt nötig ist: Systemische Lösungen statt Bremsen
Die Antwort auf Netzengpässe muss lauten: „Mehr Netzinfrastruktur, mehr Digitalisierung, mehr Resilienz.“
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Beschleunigter Netzausbau: Nur 22 % der geplanten Leitungen sind realisiert – das ist inakzeptabel.
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Digitalisierung und Automatisierung: Flexible Netzanschlussvereinbarungen und Transparenz sind entscheidend.
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Förderung von Speichern und Flexibilität: Statt erneuerbare Energien abzuregeln, müssen Lösungen für ihre Integration geschaffen werden.
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Regional differenzierte Netzentgelte: Klare Investitionssignale für den Ausbau erneuerbarer Energien.
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Abschaffung der Subventionen für fossile Kraftwerke: Warum sollen Gaskraftwerke weiter gefördert werden, wenn erneuerbare Energien abgeregelt werden?
Fazit: Bürgerenergie als Säule der Energiewende stärken
Die Energiewende braucht Vertrauen und Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit. Bürgerenergieprojekte sind kein Randphänomen, sondern ein tragender Pfeiler der Transformation. Sie stärken regionale Wertschöpfung, schaffen Akzeptanz und machen die Energieversorgung demokratischer und resilienter.
Doch die aktuellen Pläne der Bundesregierung gefährden genau diese Projekte. Statt den Netzausbau zu beschleunigen, werden erneuerbare Energien ausgebremst und fossile Kraftwerke weiter subventioniert. Das ist der falsche Weg.
Die Lösung liegt im Systemdesign, aber nicht in der Einschränkung der Erzeugung. Es braucht klare Perspektiven, stabile Rahmenbedingungen und eine Politik, die Bürgerenergie als eigenständige Säule der Energiewende stärkt.